20 Tore in drei Spielen: Ist Heidenheim das wildeste Team der 2. Bundesliga?
10 Tore erzielt, 10 kassiert, zwei Siege und eine Niederlage. Beim 1. FC Heidenheim ist in dieser Saison bislang fast alles möglich – nur Langeweile nicht. In den ersten drei Ligaspielen fielen unglaubliche 20 Treffer. Rechnet man das 2:5 im DFB-Pokal gegen Jeddeloh II hinzu, waren es sogar 27 Tore in nur vier Pflichtspielen. Der Bundesliga-Absteiger besitzt eine der gefährlichsten Offensiven der Liga und gleichzeitig die anfälligste Defensive. Ist das noch Spektakel – oder bereits ein strukturelles Problem?
Drei Spiele, 20 Tore – Heidenheim kennt keine Normalität
Ein Blick auf die bisherigen Ergebnisse reicht eigentlich schon:
4:3 gegen Osnabrück.
1:4 bei Hertha BSC.
5:3 gegen Dynamo Dresden.
Nach drei Spieltagen steht Heidenheim bei einer Tordifferenz von 10:10.
Das bedeutet durchschnittlich 6,7 Tore pro Ligaspiel.
Zum Vergleich: Nürnberg hatte nach drei Runden zwar ein Tor mehr erzielt, aber nur drei kassiert. Hertha stand bei 10:4. Kein anderer Zweitligist musste nach drei Spielen so viele Gegentore hinnehmen wie Heidenheim. Gleichzeitig gehörte der FCH offensiv zur absoluten Spitzengruppe.
Eine Mannschaft mit sechs Punkten und exakt ausgeglichener Tordifferenz von null steht damit sinnbildlich für ihren Saisonstart:
Vorne gefährlich genug für die Spitzengruppe.
Hinten offen genug für jedes Ergebnis.
Schon gegen Osnabrück gab Frank Schmidt die Warnung aus
Dabei kam dieses Problem nicht überraschend.
Zum Saisonauftakt besiegte Heidenheim den VfL Osnabrück mit 4:3. Budu Zivzivadze, Marcel Costly, Jan Schöppner und Marvin Pieringer trafen.
Eigentlich ein perfekter Start nach dem Abstieg aus der Bundesliga.
Doch Frank Schmidt interessierte sich anschließend nicht nur für die vier eigenen Tore.
Der erfahrene Trainer warnte bereits damals:
„Wir können nicht jede Woche vier Tore schießen, um Spiele zu gewinnen.“
Vier Wochen später wirkt dieser Satz fast wie eine Beschreibung des gesamten Saisonstarts.
Denn genau das passiert momentan.
Heidenheim muss außergewöhnlich viel produzieren, weil defensiv zu viel zugelassen wird.
Hertha zeigte, was passiert, wenn die Offensive einmal nicht rettet
Das deutlichste Beispiel lieferte der zweite Spieltag.
Bei Hertha BSC geriet Heidenheim schon früh unter massiven Druck. Berlin führte nach Treffern von Sebastian Grönning, Marten Winkler und Deyovaisio Zeefuik bereits zur Pause 3:0.
Jan Schöppner verkürzte zwar nach der Pause, am Ende stand aber ein deutliches 1:4.
Genau dieses Spiel zeigte die andere Seite des FCH.
Wenn Heidenheim selbst nicht regelmäßig trifft, reichen die defensiven Fehler aus, um eine Partie schnell zu verlieren.
Das macht die Mannschaft momentan schwer einzuschätzen.
Ist Heidenheim mit seinen offensiven Möglichkeiten ein Aufstiegskandidat?
Oder verhindert die fehlende Balance genau diesen Schritt?
Nach drei Spieltagen gibt es Argumente für beide Antworten.
Und dann kam dieses verrückte 5:3 gegen Dresden
Wer gedacht hatte, nach Berlin würde Heidenheim vorsichtiger werden, bekam gegen Dynamo Dresden das komplette Gegenteil.
Zur Pause lag der FCH 0:1 zurück.
Auch nach dem Seitenwechsel ging Dresden noch einmal in Führung.
Dann explodierte die Partie.
Jan Schöppner traf, ein Eigentor half beim nächsten Ausgleich, anschließend drehten Oualid Mhamdi, Julian Niehues und Maximilian Breunig das Spiel vollständig.
Heidenheim gewann 5:3.
Allein nach der Pause fielen sieben Treffer.
Es war spektakulär.
Es zeigte Mentalität.
Und es bewies, dass diese Mannschaft selbst nach Rückständen jederzeit zurückkommen kann.
Aber auch nach diesem Sieg wollte Schmidt nicht so tun, als sei plötzlich alles gelöst. Er sprach anschließend ausdrücklich davon, dass es weiterhin genügend Dinge zu verbessern gebe.
Das Pokal-Aus macht die Zahlen noch extremer
Noch auffälliger wird die Geschichte, wenn man den DFB-Pokal hinzunimmt.
Zwischen Hertha und Dresden verlor Heidenheim beim Regionalligisten SSV Jeddeloh II mit 2:5.
Ein Viertligist erzielte fünf Tore gegen den Bundesliga-Absteiger.
Der DFB bezeichnete das Ergebnis zurecht als eine der großen Überraschungen der ersten Pokalrunde. Heidenheims eigener Spielbericht sprach von einem auch in dieser Höhe verdienten 2:5.
Damit lauten die letzten vier Pflichtspielergebnisse des FCH:
4:3, 1:4, 2:5, 5:3.
Insgesamt:
12 eigene Tore. 15 Gegentore. 27 Treffer in vier Spielen.
Wer Heidenheim schaut, bekommt derzeit durchschnittlich fast sieben Tore pro Partie.
Das ist Unterhaltung.
Für einen Trainer ist es aber wahrscheinlich etwas weniger romantisch.
Das Problem ist nicht ein einzelner Verteidiger
Nach dem Pokal-Aus sprach Schmidt selbst davon, dass es im Defensivverhalten noch zu viele Baustellen gebe.
Das ist entscheidend.
Denn zehn Gegentore in drei Ligaspielen und weitere fünf gegen einen Regionalligisten lassen sich kaum mit einem schlechten Tag oder einem einzelnen Innenverteidiger erklären.
Heidenheim verliert in bestimmten Situationen die Kompaktheit.
Nach Ballverlusten entstehen Räume. Gegner kommen zu schnell hinter die erste Pressinglinie. Dazu kommen individuelle Fehler und Probleme bei der Absicherung.
Das Auffällige ist dabei der Kontrast.
Offensiv kann der FCH sehr direkt werden, schnell viele Spieler nach vorne bringen und innerhalb weniger Minuten ein Spiel komplett verändern.
Genau diese Aggressivität erzeugt aber auch Risiko.
Heidenheims größte Stärke und größte Schwäche liegen momentan erstaunlich nah beieinander.
Ausgerechnet Fürth könnte das nächste Spektakel liefern
Und nun wartet mit Greuther Fürth ein Gegner, der selbst nicht gerade für ereignisarme Spiele steht.
Fürth kam nach drei Spieltagen auf 7:8 Tore.
In den ersten drei Ligapartien der Franken fielen damit bereits 15 Treffer. Heidenheim bringt 20 mit.
Zusammengerechnet stehen beide Mannschaften vor ihrem direkten Duell bei 17 erzielten und 18 kassierten Toren.
Auf dem Papier treffen also zwei Teams aufeinander, deren Spiele momentan eher durch offene Räume als durch taktische Geduld geprägt werden.
Für Heidenheim ist das allerdings mehr als eine Einladung zum nächsten Torfestival.
Es ist ein Test.
Kann der FCH endlich einmal gewinnen, ohne drei oder vier eigene Tore zu benötigen?
Unterhaltung allein reicht einem Bundesliga-Absteiger nicht
Sechs Punkte aus drei Spielen sind für Heidenheim grundsätzlich ein ordentlicher Start.
Der FCH steht in Kontakt zur Spitzengruppe und hat bereits bewiesen, dass er offensiv genügend Qualität für die 2. Bundesliga besitzt.
Aber bei einem Bundesliga-Absteiger gelten andere Maßstäbe.
Eine Mannschaft, die perspektivisch um die oberen Plätze spielen möchte, kann nicht dauerhaft zehn Gegentore in drei Spielen kassieren.
Denn irgendwann kommt ein Nachmittag, an dem vorne nicht vier oder fünf Bälle ins Netz gehen.
Hertha hat bereits gezeigt, wie so ein Spiel aussehen kann.
Deshalb ist die eigentliche Frage bei Heidenheim nicht, ob diese Mannschaft Tore schießen kann.
Das kann sie offensichtlich.
Die wichtigere Frage lautet:
Kann Frank Schmidt aus dem spektakulärsten Team der Liga wieder eine Mannschaft machen, die auch langweilige Spiele gewinnt?
Denn genau diese Spiele entscheiden am Ende meistens darüber, wer oben bleibt.


