Sechs Spiele, sechs Siege: Was hinter Herthas Traumstart wirklich steckt
Hertha BSC ist aktuell das Maß der Dinge in der 2. Bundesliga. Sechs Spiele, sechs Siege, 17 Tore und 18 Punkte: Besser hätte die Saison für die Berliner kaum beginnen können. Gleichzeitig handelt es sich um den besten Start der Vereinsgeschichte im Profifußball.
Noch bemerkenswerter ist, dass dieser Lauf nicht nur aus klaren Siegen entstanden ist. Hertha BSC musste Rückstände aufholen, schwierige Auswärtsspiele überstehen und mehrfach zeigen, dass die Mannschaft auch dann Lösungen findet, wenn der ursprüngliche Plan nicht sofort funktioniert.
Unter Trainer Stefan Leitl wirkt Hertha BSC aktuell deutlich stabiler, mutiger und klarer als in vielen Phasen der vergangenen Jahre.
Stefan Leitl hat Hertha BSC eine klare Identität gegeben
Eine der größten Veränderungen ist die Art, wie Hertha BSC auftritt.
Stefan Leitl fordert mehr Aktivität, aggressivere Pressingmomente und mutigeres Anlaufen. Die Berliner wollen den Gegner früher unter Druck setzen und nach Ballgewinnen schnell nach vorne spielen.
Das lässt sich auch an den Zahlen erkennen. Hertha BSC gehört zu den gefährlichsten Mannschaften der Liga bei Kontern und hat bereits mehrere Tore nach schnellen Umschaltsituationen erzielt.
Gleichzeitig ist die Mannschaft offensiv schwer auszurechnen. Die Angreifer wechseln regelmäßig ihre Positionen und besetzen unterschiedliche Räume. Dadurch entstehen immer wieder Situationen, in denen gegnerische Abwehrreihen ihre Zuordnung verlieren.
Hertha BSC findet inzwischen auch während eines Spiels Lösungen
Besonders wichtig ist aber eine andere Entwicklung: Die Mannschaft kann reagieren.
Beim 2:1 gegen Dynamo Dresden funktionierte Herthas Spielaufbau zunächst kaum. Die Berliner verloren früh Bälle, gerieten unter Druck und lagen bereits nach zehn Minuten zurück.
Statt auseinanderzufallen, veränderte die Mannschaft ihre Struktur. Paul Seguin positionierte sich tiefer, Hertha BSC bekam mehr Kontrolle und konnte Dresdens erste Pressinglinie häufiger überspielen.
Danach veränderte sich das Spiel deutlich.
Genau solche Situationen unterscheiden die aktuelle Mannschaft von vielen Hertha-Teams der vergangenen Jahre. Wenn Plan A nicht funktioniert, gibt es inzwischen einen Plan B.
Jón Dagur Thorsteinsson steht für die neue Hertha
Einer der auffälligsten Spieler des Saisonstarts ist Jón Dagur Thorsteinsson.
Der Isländer war in der Vergangenheit nicht unumstritten. In dieser Saison ist er jedoch zu einem wichtigen Faktor geworden. Gegen Dynamo Dresden erzielte Jón Dagur Thorsteinsson beide Tore und entschied die Partie praktisch im Alleingang.
Seine Entwicklung steht sinnbildlich für die aktuelle Situation bei Hertha BSC.
Spieler, die zuvor nicht konstant überzeugen konnten, funktionieren plötzlich innerhalb einer klareren Mannschaftsstruktur besser. Neben Jón Dagur Thorsteinsson profitieren auch Spieler wie Kevin Sessa und Josip Brekalo von der offensiveren Ausrichtung.
Hertha BSC ist dadurch weniger abhängig von einzelnen Stars.
Distanzschüsse und Konter werden zu echten Waffen
Die Berliner sind in dieser Saison auf unterschiedliche Weise gefährlich.
Bereits sechs Treffer erzielte Hertha BSC von außerhalb des Strafraums. Damit ist die Mannschaft in diesem Bereich deutlich effizienter als noch in der vergangenen Saison.
Hinzu kommen vier Kontertore. Auch hier gehört Hertha BSC zur Spitze der 2. Bundesliga.
Diese Mischung macht die Mannschaft schwer zu verteidigen. Gegner können sich nicht einfach tief zurückziehen, weil Hertha BSC auch aus der Distanz gefährlich ist. Wer dagegen höher verteidigt, öffnet Räume für das schnelle Umschaltspiel.
Sechs Punkte nach Rückständen zeigen neue Mentalität
Vielleicht die wichtigste Zahl des bisherigen Saisonstarts sind nicht die 17 Tore, sondern sechs Punkte.
So viele Zähler hat Hertha BSC bereits nach Rückständen geholt.
In Braunschweig lag die Mannschaft sogar mit zwei Toren zurück und gewann die Partie trotzdem. Auch in Dresden ließ sich Hertha BSC von einem frühen Gegentor nicht aus der Ruhe bringen.
Diese Widerstandsfähigkeit ist ein entscheidender Unterschied.
Die Mannschaft scheint aktuell davon überzeugt zu sein, dass sie Spiele jederzeit drehen kann. Mit jedem weiteren Sieg wächst dieses Selbstvertrauen.
Der perfekte Start ist historisch
Sechs Siege aus den ersten sechs Zweitliga-Spielen sind extrem selten.
In der Geschichte der 2. Bundesliga gelang ein vergleichbarer Start nur sehr wenigen Mannschaften. Für Hertha BSC selbst ist es der beste Saisonbeginn seit Beginn der Profizeit.
Interessant ist auch, gegen wen die Berliner gewonnen haben. Unter anderem wurden der 1. FC Heidenheim und der 1. FC Magdeburg geschlagen. Hinzu kommen Auswärtssiege beim VfL Bochum, Eintracht Braunschweig, VfL Osnabrück und Dynamo Dresden.
Der perfekte Start ist deshalb nicht nur das Ergebnis eines günstigen Spielplans.
Der Aufstieg ist noch weit entfernt
Trotz aller Euphorie bleibt Stefan Leitl vorsichtig.
Die Saison befindet sich noch ganz am Anfang. Gerade die 2. Bundesliga hat in der Vergangenheit oft gezeigt, wie schnell sich Tabellenbilder verändern können.
Hertha BSC hat jedoch eine Ausgangslage geschaffen, die vor wenigen Wochen wohl nur die wenigsten erwartet hätten.
18 Punkte nach sechs Spielen, Platz eins und eine Mannschaft, die offensiv variabel spielt, Rückstände wegsteckt und taktisch immer häufiger Antworten findet.
Ob daraus am Ende tatsächlich der Aufstieg entsteht, ist noch völlig offen. Doch eines steht bereits fest: Hertha BSC ist nicht zufällig Tabellenführer.


