Hertha kann jetzt auch schmutzig gewinnen: Warum der Tabellenführer plötzlich reif wirkt
Vier Spiele, vier Siege, zwölf Punkte und Platz eins. Hertha BSC hat den perfekten Saisonstart geschafft. Doch ausgerechnet das 2:1 gegen den 1. FC Magdeburg könnte dabei mehr über diese Mannschaft verraten als die spektakulären Siege zuvor. Hertha war nicht über 90 Minuten überlegen, geriet unter Druck, spielte zeitweise in Unterzahl und musste bis zum Ende kämpfen. Trotzdem gewann Berlin. Genau solche Spiele fehlten Hertha in den vergangenen Jahren immer wieder.
Hertha muss diesmal nicht glänzen
Gegen Heidenheim gewann Hertha 4:1.
In Braunschweig drehten die Berliner ein 0:2 noch in ein spektakuläres 5:3.
Gegen Magdeburg sah das Spiel völlig anders aus.
Der FCM hatte über längere Phasen mehr vom Ball, kam immer wieder gefährlich nach vorne und zwang Hertha dazu, tiefer zu verteidigen. RBB bezeichnete Magdeburg über weite Strecken sogar als die torgefährlichere Mannschaft.
Trotzdem stand am Ende wieder das gleiche Ergebnis in der Tabelle:
drei Punkte für Hertha.
Das ist ein Unterschied, der für eine Mannschaft mit Aufstiegsambitionen enorm wichtig werden kann.
Nicht jede Partie lässt sich kontrollieren. Nicht jedes Wochenende entstehen fünf Tore und große offensive Räume.
Wer am Ende oben stehen möchte, muss auch gewinnen können, wenn der eigene Plan nur teilweise funktioniert.
Genau das hat Hertha gegen Magdeburg erstmals in dieser Saison gezeigt.
Brekalo gibt Hertha wieder die frühe Kontrolle
Dabei begann die Partie durchaus nach Berliner Geschmack.
In der zehnten Minute gewann Kevin Sessa einen wichtigen Ball im Mittelfeld. Über Mads Pedersen kam die Kugel zu Josip Brekalo, der im linken Strafraum ruhig blieb und flach ins lange Eck zum 1:0 abschloss.
Brekalo bestätigt damit seinen starken Saisonstart.
Noch wichtiger ist aber seine Rolle innerhalb dieser Hertha-Mannschaft.
Der Kapitän ist nicht nur ein kreativer Spieler für schöne Momente. Er übernimmt Verantwortung in den entscheidenden Situationen. Genau diese Verlässlichkeit braucht eine Mannschaft, die nicht nur attraktiv spielen, sondern tatsächlich aufsteigen möchte.
Magdeburg ließ sich vom Rückstand allerdings nicht beeindrucken.
Falko Michel köpfte nach einer Ecke in der 31. Minute zum verdienten 1:1 ein. Danach hatte der FCM mehrere gute Phasen und setzte Hertha zunehmend unter Druck.
Die Partie war wieder komplett offen.
Adewumi wird zum perfekten Joker
Dann kam Oluwaseun Adewumi.
Stefan Leitl brachte ihn zur Pause für Soufian Gouram.
Zwei Minuten später stand es 2:1.
Paul Seguin verlagerte das Spiel, Jón Dagur Thorsteinsson brachte den Ball flach in den Strafraum und Adewumi stand am zweiten Pfosten genau richtig.
Mittlerweile ist das kein Zufall mehr.
Für Adewumi war es bereits das dritte Ligaspiel in Folge, in dem er als Einwechselspieler traf.
Das ist für Hertha eine enorme Qualität.
Ein Aufstiegskandidat braucht nicht nur eine starke Startelf. Er braucht Spieler, die von der Bank ein Spiel verändern können.
Adewumi entwickelt sich gerade genau zu diesem Spieler.
Gegen Magdeburg benötigte er dafür praktisch nur wenige Minuten.
Dann wird es richtig unangenehm
Nach dem 2:1 bekam Hertha allerdings keine ruhige Schlussphase.
In der 62. Minute sah Paul Seguin nach seinem zweiten Gelb die Gelb-Rote Karte.
Plötzlich spielte Berlin in Unterzahl.
Magdeburg erhöhte den Druck und kam dem Ausgleich sehr nahe. Ein abgefälschter Distanzschuss von Baris Atik landete an der Latte. Kurz zuvor war ein vermeintlicher Magdeburger Treffer wegen Abseits nicht anerkannt worden.
Erst in der 73. Minute war die numerische Gleichheit wiederhergestellt. Auch Magdeburgs Tobias Müller musste nach seiner zweiten Gelben Karte vom Platz.
Aber das Spiel blieb gefährlich.
Und hier zeigte Hertha eine weitere Qualität, die bisher weniger sichtbar gewesen war.
Gersbeck gewinnt Hertha die Punkte
Marius Gersbeck wurde in der Schlussphase zum wichtigsten Berliner Spieler.
Magdeburg drängte weiter, Hertha bekam die Partie nicht mehr vollständig beruhigt.
Gersbeck hielt.
Wieder und wieder.
RBB bezeichnete den Torhüter nach Abpfiff folgerichtig als Matchwinner.
Das gehört ebenfalls zu einer erfolgreichen Saison.
Manchmal gewinnt der Stürmer.
Manchmal entscheidet ein Joker.
Und manchmal muss der Torwart drei Punkte retten.
Hertha hatte in den ersten Wochen vor allem mit seiner Offensive beeindruckt. Jetzt zeigt sich, dass die Mannschaft auch einen engen Vorsprung verteidigen kann, wenn sie spielerisch nicht mehr alles kontrolliert.
Die Expected-Goals-Werte unterstreichen, wie knapp die Partie tatsächlich war: Hertha kam auf 1,58 xGoals, Magdeburg auf 1,26. Es war kein dominanter Sieg.
Vielleicht macht genau das diesen Erfolg besonders wertvoll.
Vier Spiele, vier verschiedene Antworten
Der Saisonstart Herthas wird dadurch immer interessanter.
Beim 1:0 gegen Bochum reichte ein knapper Erfolg.
Gegen Heidenheim dominierte Hertha beim 4:1.
In Braunschweig musste Berlin einen 0:2-Rückstand drehen und gewann 5:3.
Und gegen Magdeburg kam nun ein Arbeitssieg hinzu.
Vier Spiele.
Vier Siege.
Aber vier sehr unterschiedliche Wege zu diesen zwölf Punkten.
Das ist wahrscheinlich das stärkste Argument dafür, Hertha nach vier Spieltagen ernst zu nehmen.
Diese Mannschaft scheint nicht nur einen Plan zu besitzen.
Sie beginnt, unterschiedliche Antworten auf unterschiedliche Spiele zu finden.
Leitls Mannschaft wirkt stabiler
Stefan Leitl hatte bereits vor der Partie erklärt, dass sich die Mannschaft vor allem durch mehr Aktivität, aggressiveres Pressing und mehr Mut beim Anlaufen verändert habe.
Gegen Magdeburg konnte Hertha diese Prinzipien nicht über die gesamten 90 Minuten durchsetzen.
Trotzdem brach die Mannschaft nicht auseinander.
Auch Jón Dagur Thorsteinsson bezeichnete die Partie anschließend als eine der bislang schwierigsten Herausforderungen der Saison. Gerade deshalb sei dieser Sieg ein weiterer Schritt nach vorne.
Das trifft den Kern ziemlich genau.
Ein 5:0 hätte vielleicht spektakulärer ausgesehen.
Ein erkämpftes 2:1 kann für die Entwicklung einer Mannschaft aber wichtiger sein.
Jetzt ist Hertha wirklich Tabellenführer
Durch den Sieg hat Berlin den 1. FC Nürnberg überholt.
Nach vier Spieltagen steht Hertha bei:
4 Spielen
4 Siegen
12 Punkten
12:5 Toren
Nürnberg folgt mit zehn Punkten, Heidenheim mit neun. Wolfsburg und Kaiserslautern stehen jeweils bei acht Zählern.
Natürlich ist die Saison noch jung.
Vier Siege garantieren keinen Aufstieg.
Aber Hertha hat inzwischen mehr geliefert als nur einen guten Start.
Die Berliner haben offensiv überzeugt, Rückstände gedreht und nun auch einen schwierigen Nachmittag überstanden, an dem der Gegner teilweise besser war.
Vielleicht ist genau das die größte Veränderung.
Hertha muss nicht mehr jedes Spiel schön gewinnen.
Manchmal reicht es, am Ende einfach der Sieger zu sein.
Und genau so spielt momentan ein Tabellenführer.


