Vier Spiele, kein Sieg: Wie groß ist das Problem beim FC St. Pauli wirklich?
Drei Unentschieden, eine Niederlage und nur drei Punkte nach vier Spieltagen: Der FC St. Pauli ist nach dem Bundesliga-Abstieg noch nicht in der 2. Bundesliga angekommen. Noch schwerer wiegt eine andere Zahl. Seit 188 Tagen wartet der Verein mittlerweile auf einen Pflichtspielsieg. Trotzdem wäre es zu einfach, bereits von einer klassischen Krise zu sprechen. Denn St. Pauli spielt häufig besser, als es die Ergebnisse vermuten lassen. Genau darin liegt derzeit aber auch das größte Problem.
188 Tage ohne Sieg sind mehr als ein Fehlstart
Der letzte Pflichtspielsieg des FC St. Pauli liegt inzwischen mehr als ein halbes Jahr zurück.
Am 28. Februar 2026 gewannen die Hamburger noch in der Bundesliga 1:0 in Hoffenheim. Danach folgten zehn Bundesligaspiele ohne Erfolg, der Abstieg, vier weitere sieglose Partien in der 2. Bundesliga und zusätzlich das Pokal-Aus bei Rot-Weiss Essen.
St. Pauli ist damit aktuell sogar der einzige Erst- oder Zweitligist, der in dieser Saison noch kein Pflichtspiel gewonnen hat.
Die neue Zweitliga-Saison begann mit einem 1:1 gegen Greuther Fürth. In Kiel führte St. Pauli zur Halbzeit bereits 2:0, musste sich aber noch mit einem 2:2 zufriedengeben. Danach folgte das 1:2 gegen Kaiserslautern und zuletzt ein weiteres 2:2 in Bielefeld.
Die Bilanz:
Vier Spiele. Drei Remis. Eine Niederlage. Drei Punkte.
Für einen Bundesliga-Absteiger mit Ambitionen ist das deutlich zu wenig.
Das Problem ist nicht, dass St. Pauli schlecht spielt
Genau hier wird die Situation interessant.
St. Pauli wirkt nicht wie eine Mannschaft, die völlig auseinanderfällt.
Gegen Kaiserslautern hatte das Team von Marcel Rapp über lange Phasen mehr vom Spiel. Der Trainer sprach anschließend sogar davon, dass seine Mannschaft über 85 Minuten die bessere gewesen sei. Entscheidend war aber der nächste Satz: Leistung und Ergebnis müssten getrennt betrachtet werden.
Das klingt zunächst positiv.
Wenn eine Mannschaft gut spielt, kommen die Ergebnisse irgendwann häufig von selbst.
Nach mehreren Wochen kann daraus allerdings auch eine gefährliche Ausrede werden.
Denn Fußball wird nicht für Ballbesitz oder ordentliche Spielphasen bewertet.
St. Pauli muss anfangen, aus Kontrolle auch Siege zu machen.
Zu viel Kontrolle, zu wenig Gefahr
Das 1:2 gegen Kaiserslautern zeigte das Problem besonders deutlich.
St. Pauli hatte viel vom Ball, kam aber nur selten zu wirklich klaren Abschlüssen. Nach dem Anschlusstreffer durch Abdoulie Ceesay kontrollierten die Hamburger wieder große Teile der Partie, entwickelten im letzten Drittel jedoch nicht genügend Durchschlagskraft.
Ähnlich sah es in Bielefeld aus.
Rapp war mit der Spielkontrolle grundsätzlich zufrieden, kritisierte aber, dass daraus zu wenige Chancen entstanden seien.
Das ist momentan wahrscheinlich St. Paulis größtes offensives Problem.
Die Mannschaft kommt nach vorne, ohne den Gegner dauerhaft in echte Not zu bringen.
Mit Taichi Hara, Branimir Hrgota, Martijn Kaars und Abdoulie Ceesay fehlt es auf dem Papier nicht an offensiven Möglichkeiten.
Auch die sechs Ligatore nach vier Spieltagen sind keineswegs katastrophal.
Aber St. Pauli erzeugt aus seinen guten Phasen noch zu wenig.
Ceesay wird zum Hoffnungsträger
Ein Spieler entwickelt sich dabei zunehmend zum Lichtblick.
Abdoulie Ceesay traf bereits gegen Kaiserslautern nach seiner Einwechslung und erzielte auch in Bielefeld den wichtigen Ausgleich zum 2:2.
Auf der Alm lag St. Pauli sogar zweimal zurück. Nach dem 0:1 antwortete Taichi Hara, nach dem 1:2 war erneut Ceesay zur Stelle.
Das spricht zumindest für die Mentalität der Mannschaft.
St. Pauli bricht nach Rückständen nicht auseinander.
Es gibt Reaktionen.
Es gibt offensive Optionen von der Bank.
Und Rapp scheint langsam herauszufinden, welche Spieler ihm in bestimmten Spielsituationen besonders helfen können.
Nur reicht Moral allein nicht.
Ein Bundesliga-Absteiger sollte irgendwann auch selbst Spiele bestimmen, führen und anschließend kontrollieren können.
Kiel war vielleicht das alarmierendste Spiel
Dabei ist nicht einmal die Niederlage gegen Kaiserslautern das unangenehmste Ergebnis des Saisonstarts.
Das 2:2 in Kiel dürfte Rapp deutlich mehr ärgern.
St. Pauli führte dort durch Martijn Kaars und Taichi Hara bereits 2:0 zur Pause.
Trotzdem kam Kiel zurück. Phil Harres verkürzte, Jonas Therkelsen traf in der 88. Minute zum Ausgleich.
Genau solche Spiele muss eine Mannschaft gewinnen, wenn sie oben mitspielen möchte.
Einmal kann das passieren.
Doch wenn gleichzeitig andere enge Partien ebenfalls nicht gewonnen werden, entsteht ein Muster.
St. Pauli fehlt momentan die Fähigkeit, gute Phasen konsequent in drei Punkte umzuwandeln.
Sieben Gegentore zeigen die zweite Baustelle
Hinzu kommt die Defensive.
Nach vier Ligaspielen hat St. Pauli bereits sieben Gegentore kassiert.
Fürth traf einmal, Kiel zweimal, Kaiserslautern zweimal und Bielefeld ebenfalls zweimal.
Auch NDR sieht das Abwehrverhalten als eine der zentralen Baustellen unter Rapp.
Das ist gerade für einen Absteiger problematisch.
In der Bundesliga war St. Pauli häufig gezwungen, gegen individuell bessere Mannschaften kompakt zu verteidigen.
In der 2. Bundesliga verändert sich die Rolle.
Nun wird viel häufiger erwartet, dass St. Pauli selbst das Spiel macht.
Dadurch entstehen andere Räume und andere Anforderungen.
Die Balance zwischen eigenem Ballbesitz und Absicherung funktioniert noch nicht konstant.
Das Pokal-Aus macht die Situation schwerer
Ohne das DFB-Pokal-Spiel würde der Saisonstart vielleicht noch etwas harmloser wirken.
Doch da war auch das 0:2 bei Rot-Weiss Essen.
Der Drittligist begegnete St. Pauli auf Augenhöhe und bestrafte die Hamburger konsequent. Martijn Kaars hatte zwar große Chancen, konnte sie aber nicht nutzen.
Damit lautet St. Paulis Pflichtspielbilanz unter Marcel Rapp bislang:
Fünf Spiele. Kein Sieg.
Und genau deshalb wächst der Druck schneller, als es bei drei Punkten nach vier Ligaspielen normalerweise der Fall wäre.
Ist St. Pauli schon in der Krise?
Beim Ergebnis: ja.
188 Tage ohne Pflichtspielsieg lassen sich nicht kleinreden.
Ein Bundesliga-Absteiger mit drei Punkten aus vier Ligaspielen und einem Pokal-Aus gegen einen Drittligisten hat ein Problem.
Spielerisch ist die Antwort aber komplizierter.
St. Pauli wirkt nicht orientierungslos. Die Mannschaft erzeugt längere Phasen von Kontrolle, kommt nach Rückständen zurück und hat mit Hara und Ceesay bereits mehrere offensive Lösungen gefunden.
Das macht die Situation gleichzeitig beruhigend und gefährlich.
Beruhigend, weil nicht alles neu aufgebaut werden muss.
Gefährlich, weil gute Leistungen irgendwann Ergebnisse liefern müssen.
Rapp selbst möchte deshalb an seinem Weg festhalten. Nach der Kaiserslautern-Niederlage warnte er davor, sich von außen verunsichern zu lassen.
Noch kann er das überzeugend vertreten.
Aber der Kalender wartet nicht.
Am kommenden Spieltag empfängt St. Pauli den VfL Wolfsburg, der bislang ungeschlagen durch die Saison gekommen ist.
Spätestens dann stellt sich dieselbe Frage wieder.
Nicht, ob St. Pauli ordentlich gespielt hat.
Sondern:
Wann gewinnt diese Mannschaft endlich wieder ein Fußballspiel?


