Vom 6:1-Traumstart zur Krise: Was ist mit Eintracht Braunschweig passiert?
Vor vier Wochen schien bei Eintracht Braunschweig plötzlich alles möglich. Ein 6:1 in Magdeburg, der höchste Auftaktsieg der Vereinsgeschichte in der 2. Bundesliga, ließ die Hoffnung auf eine sorgenfreie Saison wachsen. Seitdem hat sich das Bild komplett gedreht. Drei Pflichtspiele, drei Niederlagen und zuletzt neun Gegentore in nur zwei Partien. Das eigentliche Problem der Eintracht ist dabei nicht fehlende Offensivqualität. Braunschweig verliert derzeit Spiele, die es selbst unter Kontrolle bekommt.
Das 6:1 war spektakulär – aber vielleicht auch gefährlich
Der Saisonstart hätte kaum besser laufen können.
Aaron Opoku eröffnete in Magdeburg, Jan Urbich traf doppelt, Mehmet Can Aydin, Samuele Di Benedetto und Florian Flick machten aus dem ersten Spieltag ein Braunschweiger Fußballfest. Bereits nach 26 Minuten stand es 3:0, zur Pause 4:0. Magdeburg spielte zudem nach der Roten Karte für Herbert Bockhorn ab der 31. Minute in Unterzahl.
Braunschweig hatte diesen Sieg verdient. Trotzdem war ein 6:1 wahrscheinlich nie ein realistisches Abbild dessen, was von dieser Mannschaft jede Woche erwartet werden konnte.
An diesem Nachmittag funktionierte nahezu alles: frühe Ballgewinne, direkte Angriffe, Abschlussqualität und maximale Effizienz.
Ein solcher Sieg kann Selbstvertrauen schaffen.
Er kann aber auch Erwartungen erzeugen, die eine junge Mannschaft noch gar nicht dauerhaft erfüllen kann.
Vier Wochen später wirkt das 6:1 deshalb fast wie ein Ergebnis aus einer anderen Saison.
Seit Magdeburg gewinnt Braunschweig kein Spiel mehr
Direkt danach kam der erste Dämpfer.
Gegen Bochum begann die Eintracht erneut aggressiv und erspielte sich früh Chancen. Doch Philipp Hofmann traf mit Bochums erster wirklich gefährlicher Aktion zum 0:1. Braunschweig fand anschließend trotz guter Phasen keine Antwort mehr.
Dann folgte der DFB-Pokal.
Gegen Bundesligist Union Berlin führte Braunschweig sogar zweimal. Max Marie brachte die Eintracht zunächst 1:0 und später 2:1 nach vorne.
Das Ergebnis?
2:4.
Auch hier war die Leistung über weite Strecken besser als das Resultat. Aber erneut gelang es Braunschweig nicht, einen positiven Spielverlauf zu kontrollieren.
Gegen Hertha wurde dieses Problem schließlich besonders deutlich.
Yann Sturm und Kevin Ehlers sorgten für eine 2:0-Führung.
Braunschweig wirkte auf dem Weg zu einem großen Heimsieg.
Dann brach das Spiel auseinander.
Hertha glich noch vor der Pause durch Jón Dagur Þorsteinsson und Josip Brekalo aus. Kurz nach Wiederbeginn folgte das Eigentor von Ehlers, später ein Foulelfmeter und schließlich eine 3:5-Niederlage.
Das ist inzwischen mehr als Pech.
Es ist ein Muster.
Braunschweigs Problem beginnt nicht in der Offensive
Interessant ist, dass Lars Kornetka seine Mannschaft offensiv keineswegs verloren hat.
Braunschweig erzielt weiterhin Tore.
Gegen Union waren es zwei. Gegen Hertha drei. Zusammen mit den sechs Treffern in Magdeburg steht außer Frage, dass diese Mannschaft Gegner beschäftigen kann.
Spieler wie Jan Urbich, Yann Sturm, Aaron Opoku und Max Marie geben der Offensive Geschwindigkeit, Direktheit und genügend individuelle Qualität.
Genau deshalb wäre es zu einfach, die aktuelle Situation als allgemeinen Formeinbruch zu beschreiben.
Braunschweig kann Fußball spielen.
Das Problem beginnt in dem Moment, in dem ein Spiel kontrolliert werden muss.
Nach Ballverlusten entstehen Räume. Die Abstände werden größer. Individuelle Fehler kommen hinzu. Und wenn der Gegner Druck entwickelt, verliert Braunschweig teilweise die Struktur.
Trainer Kornetka formulierte es nach dem Hertha-Spiel selbst deutlich. Neun Gegentore in zwei Spielen seien schlicht zu viel.
Neun Gegentore zeigen das eigentliche Problem
Vier gegen Union. Fünf gegen Hertha.
Neun Gegentore innerhalb von zwei Pflichtspielen sind kaum mit einzelnen Fehlern zu erklären.
Vielmehr stellt sich eine grundsätzliche Frage:
Wie offensiv kann Braunschweig spielen, ohne die eigene Balance zu verlieren?
Kornetka möchte daran grundsätzlich nichts ändern. Vor dem Niedersachsen-Duell in Osnabrück erklärte er weiterhin: „Wir wollen Dominanz ausüben.“
Das ist nachvollziehbar.
Gerade das mutige Spiel hat Braunschweig am ersten Spieltag so gefährlich gemacht. Eine komplette Rückkehr zu tiefem Verteidigen würde viele Stärken der Mannschaft verschwenden.
Aber Dominanz bedeutet eben nicht nur, den Gegner zurückzudrängen.
Eine Spitzenmannschaft kontrolliert auch die Momente nach eigenem Ballverlust. Sie erkennt, wann Tempo aus einem Spiel genommen werden muss. Und sie verteidigt eine 2:0-Führung anders als einen 0:0-Zwischenstand.
Genau diese Reife fehlt der Eintracht momentan.
Der neue Verteidiger soll helfen – aber nicht sofort
Dass Braunschweig kurz vor Transferschluss noch einmal in der Defensive reagierte, passt deshalb zur aktuellen Situation.
Mit Isidoros Koutsidis kam ein neuer Verteidiger von Olympiakos Piräus.
Eine sofortige Lösung ist er allerdings nicht. Vor dem Spiel in Osnabrück erklärte Kornetka, dass Koutsidis noch nicht mit der Mannschaft trainiert habe und zunächst langsam integriert werden müsse.
Die kurzfristige Antwort muss also aus dem bestehenden Kader kommen.
Kevin Ehlers, Hasan Kuruçay beziehungsweise die weiteren defensiven Optionen müssen stabiler werden, vor allem aber braucht es bessere Absicherung durch die gesamte Mannschaft.
Denn neun Gegentore sind selten nur ein Innenverteidigerproblem.
Osnabrück wird zum Charaktertest
Ausgerechnet jetzt wartet mit dem VfL Osnabrück ein Gegner, der für Braunschweigs aktuelle Schwächen unangenehm sein kann.
Osnabrück kommt über Laufarbeit, Umschaltmomente und Intensität. Kornetka warnte ausdrücklich vor den Kontern und den klaren Abläufen des VfL. Dazu kommt die besondere Atmosphäre an der Bremer Brücke.
Deshalb geht es für die Eintracht nicht nur um drei Punkte.
Es geht darum, erstmals zu zeigen, dass die Mannschaft aus den vergangenen Wochen gelernt hat.
Ein 4:3-Spektakel wäre momentan wahrscheinlich weniger wertvoll als ein kontrolliertes 1:0.
Denn Tore kann Braunschweig offensichtlich erzielen.
Was diese Mannschaft jetzt beweisen muss, ist etwas anderes: dass sie ein Spiel auch einmal nicht wieder öffnet.
Der Traumstart ist vorbei – die Saison aber noch lange nicht
Von einer existenziellen Krise zu sprechen wäre nach drei Ligaspielen vor dem heutigen Auftritt überzogen.
Aber die Richtung hat sich bemerkenswert schnell verändert.
Nach dem 6:1 in Magdeburg wurde darüber gesprochen, ob Braunschweig vielleicht endlich eine Saison ohne ständigen Blick nach unten erleben könnte.
Drei Pflichtspielniederlagen später lautet die Frage wieder:
Wie stabil ist diese Mannschaft wirklich?
Vielleicht war das 6:1 kein falsches Versprechen.
Vielleicht zeigte es tatsächlich, welches offensive Potenzial in Braunschweig steckt.
Aber die vergangenen Wochen zeigen gleichzeitig die andere Seite dieser Eintracht.
Sie kann Gegner überrollen.
Sie kann gegen einen Bundesligisten zweimal führen.
Sie kann Hertha 33 Minuten lang große Probleme bereiten.
Und trotzdem kann sie all diese Spiele verlieren.
Genau darin liegt momentan das größte Problem.
Braunschweig muss nicht lernen, besser Fußball zu spielen. Die Eintracht muss lernen, ihre guten Spiele auch zu gewinnen.


